Winnetous Silberbüchse

In der Hand hielt Winnetou ein doppelläufiges Gewehr, dessen Holzteile dicht mit silbernen Nägeln beschlagen waren. Das war die berühmte Silberbüchse, deren Kugel niemals das Ziel verfehlte.

Obwohl Karl-May seine Reiseerzählungen nur auf dem Papier erlebte, wollte er mit der Existenz seiner drei berühmten Waffen Henrystutzen, Bärentöter und der Silberbüchse unterstützend beweisen, dass alles Geschriebene selber erlebt ist.   Zu diesem Zweck ließ er 1896 in geheimen Auftrag von dem Büchsenmacher Max Fuchs in Dresden eine Silberbüchse anfertigen, wie er sie in seinen Romanen beschrieben hatte.   Es handelte sich um eine doppelläufige Perkussionsbüchse, dessen prägnante backenförmige Kolbenform sehr auffällig wirkt.  146 große und 108 kleine Silbernägel verzieren Schaft und Kolben.  Auf der linken Kolbenseite bilden die Nägel ein "W" und auf der anderen Seite ein "NS".  Diese Initialen wurden von Karl May als "Winnetou, Natan Shi inte" erklärt und bedeutet soviel wie "Winnetou, Häuptling der Apachen".  Das Karl May im Besitz dieser Waffe war, obwohl er sie dem verstorbenen Häuptling mit ins Grab gelegt hatte, erklärte er, indem er die Silberbüchse vor feindlichen Grabräubern schützen musste und diese dann an sich nahm.  Frau Klara May ließ 1920 die Silberbüchse restaurieren und gleichzeitig eine zweite Waffe dieser Art anfertigen.  Sie unterschied sich zu den Rosettennägeln durch sternförmig angebrachte Nägel und einem Schaft, der genau die gleiche Länge hat, wie der Lauf.  Beide Büchsen befinden sich heute im Karl-May-Museum in Radebeul.   Als der Karl-May-Verlag 1960 nach Bamberg übersiedelte, gelang es nicht, die Waffen Karl Mays nach Westdeutschland zu überführen.  Für das Karl-May-Museum in Bamberg wurden die drei berühmten Gewehre noch einmal als Duplikat nachgebaut. Somit entstand eine dritte Silberbüchse.   Winnetous Film-Silberbüchse hingegen scheint auf den ersten Blick eine Spezialanfertigung zu sein.  Ein Beweis, wie man sich vom Anblick dieser Büchse verzaubern lassen kann.   Dabei handelt es sich hier nur um eine handelsübliche Doppellaufflinte, die jedermann in den 60er Jahren mit einer Waffenbesitzkarte erwerben konnte.   Für den Film "Der Schatz im Silbersee" wurde diese Waffe erstmals verwendet.  Damals zierte noch ein Halteriemen aus Leder Winnetous Schusswaffe.  Außenrequisiteur Harry Freunde besorgte sich damals Rosettennägel und verzierte damit, dem Vorbild angelehnt, Schaft und den ebenfalls sehr großzügig angelegten Kolben.  So entstand die bis heute legendäre Film-Silberbüchse.  Eine für den Nachfolgefilm "Winnetou 1.Teil" angefertigte Büchse wurde dann noch perfekter gearbeitet.  Auch das so genannte "W" ist hier, allerdings auf beiden Seiten, zu erkennen.  Dieses Exemplar fand seine Verwendung bis einschließlich "Winnetou und das Halbblut Apanatschi".  Für die Vermarktung des Streifen "Winnetou und sein Freund Old Firehand" tauchte die Silberbüchse dann noch einmal auf.  Da die Geschichte noch vor der Begegnung mit Old Shattehand spielt, ist immer noch Häuptling Intschu-tschuna im Besitz dieser Waffe.  Deshalb führt Winnetou in diesem Film auch eine andere Büchse an seiner Seite.  Für Werbe- und Plakatfotos entschied man sich wegen der Optik dann aber doch, Pierre Brice die Silberbüchse in die Hand zu geben.  Für den zwei Jahre später entstandenen Film "Winnetou und Shatterhand im Tal der Toten" ließ die CCC-Film-Produktion eine neue Silberbüchse anfertigen.  Diese allerdings mit wesentlich weniger Sorgfalt als bei dem Vorgängermodell.   Die Silbernägel hatten alle eine einheitliche Größe und da die Anzahl wesentlich geringer war, wurden diese auch in größeren Abständen in Schaft und Kolben geschlagen.  Diese letzte Film-Silberbüchse existiert zwar heute noch, ist aber völlig entfremdet worden.  Vermutlich für einen anderen Film erhielt sie einen schwarzen Anstrich und die Silbernägel wurden durch viele bunte ersetzt, so dass die Schusswaffe heute eher ein orientalisches Design aufweist.  1974 gab Filmregisseur Hans-Jürgen Syberberg Karl-May-Darsteller Helmut Käutner für einen Kurzauftritt die Legendäre Film-Silberbüchse in die Hand und der damalige Intendant Harry Walter holte 1975 für das Stück "Old Surehand" für eine Saison ebenfalls die Film-Silberbüchse für seinen Winnetou-Darsteller Klaus-Hagen Latwesen nach Bad Segeberg.   Eine ähnlich aussehende Silberbüchse wie die aus dem Jahre 1968 ließen die Karl-May-Spiele in Elspe im Sauerland im Jahre 1976 für die Auftritte von Pierre Brice anfertigen.  In den vergangenen Jahren haben viele Karl-May-Freunde sich selber eine Silberbüchse nachgebaut oder anfertigen lassen.  Einige dieser Exemplare gelangen dem Film-Vorbild täuschend ähnlich.  Als Ehrengast präsentierte Pierre Brice am 21.Juli 1988 im Karl-May-Museum in Radebeul bei Dresden die berühmte Silberbüchse des sächsischen Schriftstellers den Fotografen.  Allerdings war es nur das von Klara May angefertigte Duplikat.  Die echte Silberbüchse blieb unter gläsernen Verschluss für die Besucher des Museum, die auch in Zukunft im Banne dieser faszinierenden Waffe stehen werden.

Thomas Winkler